May 2005

Künnecke & Smukal


Künnecke & Smukal - A Good Soul
Album : Magic Friends (2005)


In Hamburg hat ein Schiff aus Chicago angelegt. Doch es hatte keine Obst- und Gemüsekisten, sondern Sea And Cake an Bord. Im Ernst: Andi Künnecke und Christian Smukal frönen dem fragilen Chicago-Sound rund um David Grubbs und dessen ganzem Abitur-Pop-Umfeld fast schon unbekümmert distanzlos, aber sie frönen ihm auf wunderbare Weise.

Den Background der Musiker – Künnecke spielte bei der Abstract-Core-Band unHOLD, Smukal ist noch immer Musiker bei Sport – hört man “Magic Friends” nicht mehr an. Alles ist hier geschmeidig, nicht einmal der englische Gesang lässt einen Akzent erkennen.

Entspannt werden die Akustikgitarren gezupft, Bossa Nova und leicht aufgeschäumter Jazz streifen vorüber – und nur böse Menschen kämen auf die Idee, das Diebstahl zu nennen. Es ist vielmehr verblüffend, wie Künnecke und Smukal eine dermaßen komplexe und zugleich unaufdringliche, warm und vielschichtig arrangierte Platte anscheinend gerade mal eben so haben aufnehmen können. Gespickt mit sehr viel “Da-ba-da-ba”-Gesumme, wird es bei dieser Musik in Hamburg plötzlich unglaublich warm, Palmen säumen den Alsterstrand. Derzeit in Deutschland ein Album aufzunehmen, dem so gar nichts Deutsches anhaftet, hat schon etwas mit Mut zu tun, ist ein Statement, kein Plagiat.

Eine wichtige Platte, die sich zugleich kein bisschen wichtig nimmt.

INTRO


Wo das Debüt-Album erst einmal abweisend wirkte, weil es mit minimalsten, unverstärkten Mitteln eine Vorstellung von Nick Drake mit Idiomen von querdenkendem, »Jazz« bewusst falsch verstehendem Hardcore kombinierte, sind solche verschwurbelten Erklärungen für »Magic Friends« völlig unnötig. Diese zehn Songs sind schön. Schön auf die leicht unwirkliche Weise, in der The Sea & Cake schön sind. Schön wie David Pajos Gitarrenspiel, wie es überall dort ist, wo ein Harmonium vernünftig eingesetzt wird, wo für jeden Song die richtige Wahl zwischen begnadetem Fingerpicking und großen Streichern aus dem Nichts gewählt wird.

Künnecke & Smukal sind so nah an so abenteuerlustigen Bands wie Six Organs Of Admittance, wie man auf diesem Kontinent nur sein kann, spielen deren Idee von moderner Folk-Musik jedoch in dem Wissen, dass es oft einer gewissen Distanz bedarf, um der Musik, die man spielt, wirklich gerecht zu werden. Schließlich war auch Nick Drake wohl dort am besten, wo er nicht so klang, als würde er an der Welt zugrunde gehen, sondern als hätte er mit ihr von vornherein nicht viel zu schaffen gehabt. Musik, die nicht immer bloß laut »Ich« schreit und so einen universellen Glanz erhält, der sehr selten ist. Und der es ihr wohl doch schwer machen wird, Beachtung zu finden. Es sei denn, Künnecke & Smukal wandern bei Gelegenheit nach Chicago, Montreal oder Olympia, WA aus. Oder in die Nähe von Four Tet nach London. Irgendwohin, wo die Religion, der sie so selbstlose Propheten sind, etwas fleißiger praktiziert wird als hier. Nun, hoffentlich ist es nur ein Aberglaube, dass so uneitle Musik gern unbemerkt bleibt. In dem Fall wäre ich nicht sonderlich enttäuscht, mit meinem Kulturpessimismus daneben gelegen zu haben.

SPEX